Mit der Zeit verschob sich mein Blick auf den Film. Was mich früher vor allem unterhielt, hat heute eine zweite Ebene. Die Figur der Taubenfrau, die Einsamkeit in der riesigen Stadt und die Wärme der Begegnung lassen sich gut mit der Theorie der narrativen Identität verbinden. Diese besagt, dass Menschen ihre Identität durch Geschichten formen – durch Geschichten, die sie über sich selbst, über andere und über die Welt erzählen. Der Film erzählt eine Grossstadterzählung über Einsamkeit, Hoffnung und Unerwartetheit. Vielleicht sehe ich mich darin wieder, weil auch ich in Städten nicht nur Orte, sondern Spiegel sehe: Resonanzräume, die mich gleichzeitig fordern und stärken.
Es ist denkbar, dass ich den Film jedes Jahr schaue, weil er mich an meine eigenen inneren Erzählungen erinnert. Vielleicht auch, weil er mir eine symbolische Reise ermöglicht, wenn die Energie fehlt, eine reale zu unternehmen. Oder weil er mich an die Bedeutung ästhetischer Bildung erinnert: an die Einsicht, dass Filme, Bilder und Geschichten nicht nur zur Unterhaltung existieren, sondern als Räume, in denen man sich selbst erkennt.
Und so ist das jährliche Ansehen zu einem stillen Gruss an mich selbst geworden. An die Seite von mir, die in der filmischen Version von New York Freiheit spürt. An die Seite, die ihre Kraft aus Räumen der Fantasie und der ästhetischen Erfahrung zieht. Und an die Seite, die inmitten der Ruhe des Dezembers ein kleines Stück urbane Weite benötigt, um sich wieder zu ordnen.
