Am 13. März 2026 fand in Zürich eine wegweisende Tagung statt, die sich einer der komplexesten Fragen unserer Zeit widmete: Wie hängen neurobiologische Vielfalt und die Entwicklung der Geschlechtsidentität bei Kindern und Jugendlichen zusammen?. Unter dem Titel „Wer bin ich?“ beleuchteten Expertinnen aus Medizin, Psychologie und Pädagogik die Schnittmengen zweier Spektren, die in der klinischen Praxis und im Alltag immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Neurodiversität: Vielfalt statt Störung
Der Begriff Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt der menschlichen Gehirnentwicklung. Neurodivergente Menschen – dazu gehören etwa Personen im Autismus-Spektrum, mit ADHS, Dyslexie oder Hochbegabung – verarbeiten Informationen anders, als es der gesellschaftlichen „Norm“ entspricht.
Ein zentrales Anliegen der Tagung war die Entpathologisierung. Das Label „neurodivergent“ soll Betroffene entlasten: Weg vom reinen Störungsdenken, hin zur Akzeptanz neurologischer Merkmale, die oft von aussen nicht sichtbar sind, aber Wahrnehmung und soziale Interaktion tiefgreifend beeinflussen.
Geschlechtsidentität im Wandel
Parallel zur neurobiologischen Vielfalt hat sich unser Verständnis von Geschlecht gewandelt. Geschlecht ist ein Spektrum. Während früher Kategorien wie „homosexuell“ oder „transsexuell“ starr besetzt waren, definieren heutige Jugendliche ihre Identität oft aktiv und individuell, etwa als genderqueer, non-binär oder asexuell.
Dabei ist wichtig zu verstehen:
- Die Geschlechtsidentität (das innere Wissen, wer man ist) lässt sich nicht von aussen ablesen.
- Die meisten Menschen entwickeln bereits früh eine Geschlechtskonstanz, doch im Jugendalter nehmen Schwankungen und die Zuordnung zum nicht-binären Spektrum zu.
- Non-binäre Menschen identifizieren sich nicht oder nur teilweise mit den Kategorien „männlich“ oder „weiblich“.
Wenn sich die Spektren treffen: Die Schnittmenge
Ein Schwerpunkt der Tagung war die überzufällige Häufigkeit, mit der Neurodivergenz und Geschlechtsvarianz gemeinsam auftreten. Studien zeigen, dass etwa 9 % bis 11 % der Jugendlichen in Gendersprechstunden eine Autismus-Diagnose haben – ein Vielfaches im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung.
Warum ist das so? Diskutiert werden verschiedene Erklärungsmodelle:
- Kognitiver Stil: Autistische Menschen orientieren sich oft weniger an sozialen Normen und hinterfragen Geschlechterrollen daher häufiger kritisch.
- Gemeinsame Vulnerabilität: Es könnten überlappende genetische oder neurobiologische Faktoren vorliegen.
- Minoritätenstress: Die Interaktion von Neurodivergenz und sozialer Ausgrenzung kann die Identitätsdissonanz verstärken.
Besondere Herausforderungen und Schutzfaktoren
Jugendliche, die an dieser Schnittstelle stehen, erleben oft einen doppelten Minoritätenstress. Das Risiko für psychische Belastungen, Angststörungen und Suizidalität ist besorgniserregend hoch. 50-70 % der trans Jugendlichen berichten von Suizidgedanken oder Selbstverletzungen.
Als protektive Faktoren wurden vor allem eine gute Unterstützung durch die Familie und Peers sowie die soziale Transition (das Leben im Wunschgeschlecht) genannt.
Was braucht es in der Begleitung?
Für Fachpersonen und Eltern ergaben sich aus der Tagung klare Handlungsempfehlungen für einen sensiblen Umgang:
- Ergebnisoffene Haltung: Unterstützung bedeutet nicht, eine Richtung vorzugeben, sondern den Prozess der Identitätsfindung zu validieren und Zeit zu lassen.
- Anpassung der Kommunikation: Besonders bei autistischen Jugendlichen sind klare Strukturen, Reizreduktion und die Nutzung visueller Hilfsmittel entscheidend.
- Inklusive Sprache: Die Verwendung der gewünschten Pronomen und Namen ist ein Akt des Respekts und der Sicherheit.
- Validierung statt Skepsis: Die Sorgen der Eltern müssen ernst genommen werden, ohne dabei die Identität des Kindes zu relativieren.
Fazit
Neurodiversität und Geschlechtervielfalt sind keine Modediagnosen, sondern Ausdruck der menschlichen Vielfalt. Die Tagung machte deutlich: Wir müssen lernen, über den Tellerrand binärer Normen hinauszuschauen. Wenn wir Rahmenbedingungen anpassen und Stärken fokussieren, können wir Erfolgserlebnisse generieren und jungen Menschen helfen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden – genau so, wie sie sind.
Quellen
Nachfolgend sind die Quellen, die als Grundlage für den Blogbeitrag zur Tagung „Wer bin ich? Neurodivergenz und Geschlechtsidentität im Kinder- und Jugendalter“ (Zürich, 13.03.2026) dienten:
- Dr. med. univ. Cornelia Galanda: Neurodivergenz im Kindes- und Jugendalter mit Fokus auf Autismus und ADHS. Stiftung visoparents.
- KD Dr. med. Dagmar Pauli: Trans, nicht-binär, gender-nonconforming. Was brauchen genderdiverse Kinder und Jugendliche aus medizinisch-therapeutischer Perspektive? Psychiatrische Universitätsklinik Zürich / Stiftung visoparents.
- Evianne Hübscher: Geschlechtervielfalt – Nonbinarität: Die vielfältigen Dimensionen von Geschlecht. Geschlechter-Radar / Stiftung visoparents.
- Tanja Schenker: Wenn Neurodivergenz und Geschlechtsvarianz zusammentreffen. Psychiatrische Universitätsklinik Zürich / Stiftung visoparents.
Diese Unterlagen enthalten zudem zahlreiche Verweise auf internationale Studien (z. B. von Warrier et al., 2020 oder de Vries et al., 2014) sowie medizinische Klassifikationssysteme wie das ICD-11 und DSM-5, die die wissenschaftliche Basis der Tagung bilden.
