Meine ersten Crushes waren kein Zufall

Vor Kurzem wurde ich für das Display Magazin nach meinen ersten männlichen Crushes gefragt. Die Frage klang zunächst herrlich nostalgisch. Wer waren die ersten Männer, bei denen mein Herz ein bisschen schneller schlug?

Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir klar: Es ging gar nicht nur um nostalgische Erinnerungen. Diese Schwärmereien erzählen auch etwas darüber, wie wir uns selbst entdecken. Oft lange bevor wir überhaupt die Sprache dafür haben.

Mein erster Crush war ausgerechnet ein Action Man.

Nicht ein Sänger. Nicht ein Schauspieler. Sondern eine Plastikfigur.

Ich muss etwa zehn Jahre alt gewesen sein. Während andere Kinder mit ihm Missionen spielten, interessierte ich mich immer mehr für den Mann selbst. Seine Muskeln, die breiten Schultern, der entschlossene Blick. Und ja: Ich fand es unglaublich spannend, dass man ihn ausziehen konnte. Plötzlich war er nicht mehr nur eine Actionfigur, sondern ein männlicher Körper, den ich fasziniert betrachtete.

Damals hätte ich natürlich nie sagen können, warum mich das so beschäftigte. Ich wusste nicht einmal, dass es überhaupt möglich war, sich als Junge zu Jungen hingezogen zu fühlen. Ich wusste nur, dass dieser Action Man deutlich mehr Aufmerksamkeit bekam als meine anderen Spielsachen.

Heute denke ich: Vielleicht war das mein erster kleiner, sicherer Raum, in dem ich Männlichkeit bewundern durfte, ohne sie erklären zu müssen.

Ein paar Jahre später kam Joshua Jackson.

Genauer gesagt: Pacey Witter aus Dawson’s Creek.

Natürlich fand ich ihn attraktiv. Aber viel wichtiger war etwas anderes. Er war nicht der klassische Held. Er war witzig, manchmal unsicher, machte Fehler und wirkte dadurch unglaublich echt.

Während viele meiner Freundinnen für Dawson schwärmten, war für mich immer klar, dass Pacey der Interessantere war. Ich hätte damals wahrscheinlich behauptet, ich fände ihn einfach cool. Heute weiss ich, dass “cool” oft einfach das Wort war, das ich für Gefühle benutzte, die ich noch nicht einordnen konnte.

Kurz darauf folgte Tim Sander als Kai Scholl bei Gute Zeiten, schlechte Zeiten.

Auch hier war es wieder nicht bloss das Aussehen. Es war diese Mischung aus Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit. Rebellisch, aber sensibel. Lässig, aber nahbar.

Und wenn ich ehrlich bin, erkenne ich heute noch etwas anderes: Schon damals hatten Skater bei mir praktisch automatisch einen Bonus. Diese Mischung aus Freiheit, Lockerheit und einem Hauch von “Ich mache mein eigenes Ding” fand ich unglaublich faszinierend.

Wenn ich heute auf diese drei Crushes zurückblicke, erkenne ich ein Muster.

Keiner von ihnen war der perfekte Held.

Mich haben Männer angezogen, die Ecken und Kanten hatten. Männer, die Humor zeigten. Die verletzlich sein durften. Die nicht nur stark wirkten, sondern auch menschlich.

Vielleicht erklärt das sogar ein bisschen, was mich bis heute an Menschen interessiert.

Was mich an diesen Erinnerungen aber am meisten berührt, ist etwas anderes.

Wie früh wir oft schon wissen, wer wir sind.

Nicht bewusst. Nicht in Worten. Sondern irgendwo zwischen Spielzeugkisten, Fernsehserien und Nachmittagen vor dem Bildschirm.

Die eigene Identität kommt selten mit einem grossen Aha-Moment. Sie zeigt sich in kleinen Blicken. In Figuren, die uns länger beschäftigen als andere. In Menschen, bei denen wir plötzlich genauer hinschauen. Und oft dauert es Jahre, bis wir verstehen, warum.

Deshalb musste ich lächeln, als ich diese Geschichten für das Display Magazin aufgeschrieben habe.

Sie handeln oberflächlich von einem Plastik-Soldaten und zwei Fernsehschauspielern.

Eigentlich handeln sie aber davon, wie leise Selbstfindung beginnen kann. Und dass unser jüngeres Ich manchmal schon sehr genau wusste, was unser erwachsenes Ich erst viel später verstehen würde.